Mietsenkung beim Referenzzinssatz

Lohnt es sich, jeden Antrag zu stellen – auch wenn der Vermieter die Teuerung weitergibt?

Von Philipp Meyer · Erschienen: April 2026 · Aktualisiert: September 2026 · Thema: Mietrecht & Referenzzinssatz · Lesezeit: ca. 9 Minuten · Zuletzt geprüft:

Viele Mieterinnen und Mieter zögern: Soll ich wirklich einen Antrag auf Mietsenkung stellen, wenn der Referenzzinssatz sinkt? Provoziere ich damit meinen Vermieter zu einer Teuerungserhöhung, die ich sonst nicht gehabt hätte? Die Antwort ist klar – und basiert nicht auf Bauchgefühl, sondern auf dem Schweizer Mietrecht.

Wie funktioniert das System?

In der Schweiz ist der Referenzzinssatz (festgelegt vom Bundesamt für Wohnungswesen, BWO) das wichtigste Instrument zur Mietzinsanpassung. Er wird quartalsweise publiziert und basiert auf dem Durchschnitt der ausstehenden inländischen Hypotheken.

Die zwei unabhängigen Seiten des Systems:

Sinkt der Referenzzinssatz um 0,25 Prozentpunkte → Mieterin/Mieter kann eine Senkung von ca. 2,91 % verlangen (muss aktiv beantragt werden).

Steigt der Referenzzinssatz um 0,25 Prozentpunkte → Vermieter kann den Mietzins um ca. 3 % erhöhen (Art. 13 VMWG).

Zusätzlich – und das ist entscheidend – darf der Vermieter unabhängig davon erhöhen für:
· Teuerung (Landesindex der Konsumentenpreise, LIK): 40 % der aufgelaufenen positiven Teuerung (Art. 16 VMWG)
· Allgemeine Kostensteigerungen: soweit nachgewiesen; Beispiele rechnen oft mit rund 0,5 % pro Jahr

Diese Erhöhungsrechte für Teuerung und Kosten bestehen unabhängig davon, ob Sie zuvor eine Senkung beantragt haben. Der Vermieter kann sie geltend machen, egal ob Ihr Mietzins gerade gesunken ist oder nicht.

Der häufigste Irrtum

Weit verbreiteter, aber falscher Gedanke

«Wenn ich die Mietsenkung beantrage, erhöht mir der Vermieter dann die Miete wegen Teuerung – das hätte er sonst nicht getan. Unterm Strich bin ich nicht besser dran.»

Dieser Gedankengang klingt intuitiv nachvollziehbar, ist aber rechtlich falsch. Der Vermieter hat das Recht auf Teuerungsanpassungen immer – unabhängig von Ihrer Senkungsanfrage. Wenn er es nicht tut, dann weil er es nicht geltend machen will, nicht weil Sie keine Senkung beantragt haben.

Das bedeutet: Wer eine Senkung nicht beantragt, verzichtet auf den Vorteil – erhält aber gegenüber dem Vermieter keinen «Rabatt» auf dessen Erhöhungsrechte. Es ist ein Nullsummenspiel zu Ihren Ungunsten.

Der Referenzzinssatz seit seiner Einführung (2008)

Der Referenzzinssatz wurde im September 2008 eingeführt (zuvor galten kantonale Hypothekarzinssätze). Seither hat er eine bemerkenswerte Geschichte durchlaufen:

Zeitraum Referenzzinssatz Bewegung Wer hat ein Recht?
Sep 20083,50 %Einführung–
2009–20133,25 % → 2,00 %▼ 6 × −0,25 %Mieter: je ~2,91 % Senkung
Jun 20151,75 %▼ −0,25 %Mieter: ~2,91 % Senkung
Jun 20171,50 %▼ −0,25 %Mieter: ~2,91 % Senkung
Mär 2020 – Mai 20231,25 %▼ −0,25 % (Rekordtief)Mieter: ~2,91 % Senkung, danach 3 Jahre stabil
Jun 20231,50 %▲ +0,25 %Vermieter: ~3 % Erhöhung
Dez 20231,75 %▲ +0,25 %Vermieter: ~3 % Erhöhung
Mär 20251,50 %▼ −0,25 %Mieter: ~2,91 % Senkung
Sep 20251,25 %▼ −0,25 %Mieter: ~2,91 % Senkung

Insgesamt gab es von 2008 bis 2025 11 Senkungen des Referenzzinssatzes (Senkungsrechte für Mieter) und 2 Erhöhungen (Erhöhungsrechte für Vermieter). Der Saldo liegt klar auf der Seite der Mieter – aber nur für jene, die ihre Rechte auch eingefordert haben.

Die folgenden Beispiele rechnen mit einer Ausgangsmiete von CHF 1'800 und berücksichtigen nur die zinsbedingten Anpassungen: −2,91 % pro Senkung um einen Viertelprozentpunkt, +3 % pro Erhöhung. Angenommen ist, dass der Vermieter jede zulässige Erhöhung auch verlangt.

Rechenbeispiel 1: 5 Jahre (Herbst 2021 bis 2026)

Ausgangslage
Mietzins CHF 1'800/Monat · Referenzzinssatz 1,25 % (September 2021) · Nur zinsbedingte Anpassungen berücksichtigt
EreignisDatumMit AntragOhne Antrag
AusgangsmieteSep 2021CHF 1'800CHF 1'800
Vermieter erhöht (+3 %)Jun 2023CHF 1'854CHF 1'854
Vermieter erhöht (+3 %)Dez 2023CHF 1'910CHF 1'910
Senkung beantragt (−2,91 %)Mär 2025CHF 1'854CHF 1'910
Senkung beantragt (−2,91 %)Sep 2025CHF 1'800CHF 1'910
Miete im September 2026CHF 1'800CHF 1'910
Ersparnis durch die Anträge: CHF 110/Monat = rund CHF 1'300/Jahr
Die beiden Erhöhungen von 2023 treffen beide Mieter gleich. Den Unterschied machen die zwei Senkungen von 2025: Wer sie verlangt hat, zahlt heute wieder genau die Ausgangsmiete – wer nicht, bleibt dauerhaft 6 % darüber.

Rechenbeispiel 2: 10 Jahre (Herbst 2016 bis 2026)

Ausgangslage
Mietzins CHF 1'800/Monat · Referenzzinssatz 1,75 % (September 2016) · Nur zinsbedingte Anpassungen berücksichtigt
EreignisDatumMit AntragOhne Antrag
AusgangsmieteSep 2016CHF 1'800CHF 1'800
Senkung beantragt (−2,91 %)Jun 2017CHF 1'748CHF 1'800
Senkung beantragt (−2,91 %)Mär 2020CHF 1'697CHF 1'800
Vermieter erhöht (+3 %)Jun 2023CHF 1'748CHF 1'800
Vermieter erhöht (+3 %)Dez 2023CHF 1'800CHF 1'800
Senkung beantragt (−2,91 %)Mär 2025CHF 1'748CHF 1'800
Senkung beantragt (−2,91 %)Sep 2025CHF 1'697CHF 1'800
Miete im September 2026CHF 1'697CHF 1'800
Ersparnis heute: CHF 103/Monat · kumuliert seit 2017 rund CHF 7'600
Wichtig: Beim Mieter ohne Antrag durfte der Vermieter 2023 nicht erhöhen. Seine Miete beruht noch auf 1,75 %, und der Referenzzinssatz ist seither nie darüber gestiegen. Wer keine Senkung verlangt, ist also vor zinsbedingten Erhöhungen geschützt, bis der Satz über seinen Ausgangssatz steigt – zahlt dafür aber in allen anderen Jahren mehr. Unter dem Strich liegt der Mieter mit Anträgen trotzdem rund CHF 7'600 vorne.

Rechenbeispiel 3: seit Einführung (2008 bis 2026)

Der grösste Vorteil ergibt sich im längsten Zeithorizont. Von 2009 bis 2020 sank der Referenzzinssatz in neun Schritten von 3,50 % auf 1,25 % – neun mögliche Senkungsanträge, danach folgten zwei Erhöhungen und zwei weitere Senkungen.

Ausgangslage
Mietzins CHF 1'800/Monat · Referenzzinssatz 3,50 % (September 2008) · Nur zinsbedingte Anpassungen berücksichtigt
EreignisDatumMit AntragOhne Antrag
AusgangsmieteSep 2008CHF 1'800CHF 1'800
9 Senkungen à −2,91 % (kumuliert)2009–2020CHF 1'380CHF 1'800
Vermieter erhöht (2 × +3 %)Jun / Dez 2023CHF 1'464CHF 1'800
2 Senkungen à −2,91 %Mär / Sep 2025CHF 1'380CHF 1'800
Miete im September 2026CHF 1'380CHF 1'800
Ersparnis heute: CHF 420/Monat = CHF 5'040/Jahr
Kumuliert über 18 Jahre hat der Mieter mit Anträgen rund CHF 65'000 weniger Miete bezahlt. Auch hier gab es beim Mieter ohne Antrag 2023 keine Erhöhung – der Referenzzinssatz blieb weit unter seinem Ausgangssatz von 3,50 %. Die Zeitpunkte der Senkungen zwischen 2009 und 2013 sind gerundet.

Was ist mit der Teuerung – zahlt man die trotzdem?

Ja – aber das ist unabhängig davon, ob man Senkungen beantragt hat. Zur Veranschaulichung: Die Schweizer Teuerung (LIK) verlief von 2009 bis 2021 ausgesprochen flach, oft sogar negativ. Nur in den Jahren 2022 und 2023 gab es spürbare Preissteigerungen.

Selbst wenn der Vermieter alle Teuerungserhöhungen konsequent geltend gemacht hätte:

  • Die Teuerungserhöhung wird immer auf den aktuell gültigen Mietzins berechnet
  • Bei einem tieferen Basis-Mietzins (weil Senkungen beantragt wurden) fällt auch der absolute Franken-Betrag der Teuerungserhöhung tiefer aus
  • Wer jede Senkung beantragt hat, profitiert also doppelt: tieferer Grundmietzins und tiefere absolute Teuerungszuschläge

Beispiel Teuerungserhöhung 2022/2023:

Mieter A (alle Senkungen beantragt): Basis CHF 1'380 · Teuerungsanteil 1,5 % = +CHF 21/Monat
Mieter B (nie beantragt): Basis CHF 1'800 · Teuerungsanteil 1,5 % = +CHF 27/Monat

Mieter A zahlt auch nach der Teuerungserhöhung weniger – absolut und relativ.

Fazit: Immer Antrag stellen – ohne Ausnahme

Die drei wichtigsten Erkenntnisse

  • Das Recht des Vermieters auf Teuerungsanpassungen besteht immer – unabhängig davon, ob Sie eine Senkung beantragt haben oder nicht.
  • Wer keine Senkung beantragt, ist zwar vor zinsbedingten Erhöhungen geschützt, bis der Satz über seinen Ausgangssatz steigt – zahlt aber in allen übrigen Jahren mehr. In allen drei Beispielen lohnt sich der Antrag deutlich.
  • Seit Einführung des Referenzzinssatzes 2008 summieren sich die Einsparungen auf rund CHF 65'000 – bei einer Ausgangsmiete von CHF 1'800.

Die einzige rationale Antwort: Ja, immer Antrag stellen.

Es gibt eine einzige Einschränkung: Das Verhältnis zum Vermieter. Wer in einem kleinen Mehrfamilienhaus wohnt und eine gute Beziehung zum privaten Vermieter hat, mag abwägen, ob ein Antrag über wenige Franken den sozialen Frieden wert ist. Aber rechtlich sind Sie immer im Recht – und langfristig ist das Potenzial erheblich.

So stellen Sie den Antrag richtig

  • 1
    Termin prüfen: Der Referenzzinssatz wird vom BWO quartalsweise publiziert (März, Juni, September, Dezember). Sie können den Antrag stellen, sobald der neue, tiefere Satz offiziell gilt.
  • 2
    Frist beachten: Der Antrag muss auf den nächstmöglichen Kündigungstermin Ihres Mietvertrags gestellt werden (meist der Beginn des nächsten Monats mit Einhaltung der vertraglichen Kündigungsfrist). Sofort nach Publikation handeln.
  • 3
    Schriftlich und eingeschrieben: Antrag immer schriftlich, am besten per Einschreiben. Betreff: «Begehren um Mietzinsherabsetzung gestützt auf Art. 270a OR». Den aktuellen Referenzzinssatz angeben und den Satz, auf dem die heutige Miete beruht.
  • 4
    Vermieterantwort abwarten: Der Vermieter hat 30 Tage Zeit zu antworten. Lehnt er ab oder antwortet nicht, können Sie innert 30 Tagen die Schlichtungsbehörde anrufen (zuständig nach Lage der Liegenschaft, kostenlos).
  • 5
    Massgebenden Referenzzinssatz ermitteln: Entscheidend ist der Satz, auf dem die heutige Miete beruht – also der Satz der letzten Mietzinsanpassung (amtliches Formular) oder, wenn die Miete seit Vertragsbeginn nie angepasst wurde, der Satz im Mietvertrag. Eine Änderung, die schon weitergegeben wurde, zählt nicht noch einmal (Art. 13 Abs. 4 VMWG). Fehlt die Angabe, hilft das BWO oder der Mieterverband mit historischen Werten weiter.

Einen Musterbrief für die Mietzinssenkung, vorausgefüllt mit Ihren Werten, finden Sie im Referenzzinssatz-Rechner. Weitere Musterformulare für den Senkungsantrag bieten der Schweizer Mieterinnen- und Mieterverband (MV) sowie viele Kantone kostenlos an.

Die Rechenbeispiele in diesem Artikel sind vereinfacht und berücksichtigen nur die zinsbedingte Komponente. Teuerung, Kostensteigerungen sowie individuelle Vertragsklauseln können das Ergebnis beeinflussen. Die genaue Senkungsquote hängt vom im Mietvertrag vereinbarten Referenzzinssatz ab. Für eine individuelle Einschätzung empfehlen wir den Mieterinnen- und Mieterverband (MV) oder eine Rechtsberatung.